Exklusivinterview: Festhalle Schötmar wird 90 Jahre alt

Als wir unsere Jubilarin in den heißen Junitagen besuchten, machte sie einen etwas müden, um nicht zu sagen derangierten Eindruck. In unserem Gespräch konnte und wollte sie ihre Enttäuschung nicht verbergen, dass sie ohne Funktion und Nutzung faktisch im Dornröschenschlaf liegt. Ausgerechnet jetzt, da in Schötmar mit dem Masterplan Signale in Richtung Aufbruch gesetzt sind. Man spürt sehr schnell, wie gerne sie beim Aufbruch dabei sein würde und wichtige Beiträge leisten würde. Sobald sie von ihrer bewegten Vergangenheit erzählen darf, blüht sie auf und der Respekt des Interviewers wird immer größer...

Wie möchten Sie eigentlich angesprochen werden: Festhalle oder Turnhalle, wie es in Ihrer "Geburtsurkunde" (Bauantrag) steht?

Stimmt. Ursprünglich war ich als Turnhalle geplant und wurde auch so  genutzt. So haben mich auch die Schüler der Grundschule am Kirchplatz für den Sportunterricht besucht.

Aber ehrlicherweise war der gesellige Teil von Anfang an gewollt. Schon im Oktober 1929 - also nur wenige Wochen nach der Einweihung haben meine Besitzer eine Konzession bei der Stadt beantragt. Warten Sie mal, ich hab noch die Antragsunterlagen...ich zitiere:

"Wenn auch der vornehmste Zweck dieser Halle die körperliche und geistige Ertüchtigung der Jugend ist, so lässt es sich doch nicht vermeiden, dass der Verein auch Festlichkeiten in dieser Halle abhält...Um diese Festlichkeiten als rentabel für den Hallenbau zu gestalten, wird die Konzession zum Ausschank von geistigen Getränken notwendig sein."

Insofern passt der spätere Name "Festhalle Schötmar" doch ganz gut.


Wie viele Ehen nahmen ihren Anfang unter Ihrem Dach?

Ich gebe es zu: Ich habe nicht mitgezählt. Ich war stolz, auf die vielen gesellschaftlichen Ereignisse und Feiern, die ich räumlich ermöglicht habe. Es war von Anfang an meine Bestimmung, ein Ort der Begegnung und des Miteinanders zu sein. Solange ich die Chance dazu hatte, habe ich diese Aufgabe gern erfüllt.


Der 1. September 1929 gilt als Ihr Geburtstag. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Als Gebäude hat man ja nicht eine Geburt im engeren Sinne. Aber auch schon damals wurden besondere Gebäude eingeweiht. Meine Einweihung fand an einem Sonntag, dem 01. September 1929, statt. Bitte versetzen Sie sich in die Zeit: Die junge Industriestadt Schötmar hat erst acht Jahre davor die Stadtrechte erhalten. Viele kleine und größere Industriebetriebe führten auch zu einer engagierten Arbeiterbewegung, die großen Wert auf gemeinsame Freizeitaktivitäten legte: Sport, Weiterbildung, Feiern - heute würde man wohl von "Partys" sprechen. 

Zurück zu meiner Einweihung: Ich wurde nach den Entwürfen des Architekten Gustav Sander erbaut und wurde rechtzeitig zum 50jährigen Gründungsjubiläum des Turnerbundes fertig. Auch wenn die Vorboten der Weltwirtschaftskrise schon zu spüren waren, war dieser Tag doch ein großer Festtag für ganz Schötmar.

Übrigens danke an Ihren Verein, dass Sie mit der Postkartenaktion daran erinnert haben.


Gern geschehen.

Was ist eigentlich Ihre schönste Seite?

Oh, das ist eindeutig. Schon im ersten Zeitungsbericht am 04.09.1929 über mich gibt es hierzu eine Feststellung, die immer noch Gültigkeit hat und die ich gerne zitiere:

"Man kann die zum Sportplatz gekehrte Seite wohl als die Schönste bezeichnen; die großen, bis zum Dachgesims reichenden Fenster, dazwischen die schlichten Wandflächen, aber doch wirkungsvoll durch das bunte Klinkermauerwerk verleihen dem Ganzen ein besonderes wuchtiges Aussehen."

Zugegeben: Statt "wuchtiges Aussehen" würde ich heute lieber von "klassischer Eleganz" lesen...


Stadthistoriker
bezeichneten Sie als - ich zitiere - "beeindruckendes Zeugnis des bürgerschaft-lichen Engagements, insbesondere der organisierten Arbeiterschaft Schötmars".
Wie erklären Sie sich das?

Nicht nur meine Klinker sind rot...und das ist gut so.

Im Ernst: Ich bin sehr stolz auf meine sozialdemokratische Vergangenheit. Es waren Vereine der Arbeiterbewegung, die die Idee der Halle Ende der 20er Jahre initiiert haben. Es ist damals gelungen, viele Arbeiterfamilien für diese Vision zu begeistern. Über mehrere Jahre hinweg wurden Spenden gesammelt, "Bausteine" und Anteilsscheine verkauft.

Als die Nazis vier Jahre später die Halle enteignet  und der "Deutschen Arbeitsfront" übertragen haben, wurde auch versucht, meine spezielle Entstehungsgeschichte aus dem Gedächtnis zu tilgen. Schauen Sie einmal in die Festschrift "75 Jahre Turngemeinde Schötmar" von 1938. Darin sind zwar Fotos von mir abgebildet, aber wie die Halle entstanden ist - kein Sterbenswörtchen. Kleine Anekdote am Rande: Gleich nach der Enteignung im Zuge der NS-Machtergreifung wurde auch die Schankwirtschaft eingestellt.


Sie haben in Ihrer bisherigen Geschichte schon viele Eigentümer erlebt. Wie kam es dazu?

Von Anfang an war eigentlich klar, dass eine solche Halle nicht privatwirtschaftlich funktioniert. Als der Baufonds 20.000 RM, also Reichsmark, eingesammelt hatte, hat sich bereits 1929 die Stadt Schötmar bereit erklärt, den laufenden Betrieb für zehn Jahre zu bezuschussen.

Unmittelbar nach dem Krieg diente ich der britischen Besatzungsmacht. Als ich später wieder in den Besitz der wiedergegründeten "Deutschen Eiche" bzw. eines "Turnhallenvereins", bestehend aus TB Deutsche Eiche, Gewerkschaftsbund, AWO Schötmar und Volkschor kam, wurde wieder versucht, durch eine Schankwirtschaft die Wirtschaftlichkeit zu sichern. Letztlich hat das nicht funktioniert, sodass ich 1963 "kommunalisiert" wurde und in den Besitz der Stadt Schötmar überging. Meine früheren Eigentümer haben übrigens sehr geschickt verhandelt und sich per Grunddienstbarkeit ein unentgeltliches Nutzungsrecht über 99 Jahre gesichert. Als dann bei mir 1977 größere Investitionen anstanden und eine Nutzungsänderung - ich wurde offiziell zur "Mehrzweckhalle" - vorgenommen wurde, hat die Großgemeinde Bad Salzuflen als Rechtsnachfolgerin der Stadt Schötmar diese Grunddienstbarkeit löschen lassen aber vertraglich mit dem Turnerbund "Deutsche Eiche" diese inhaltliche Regelung bestätigt. Ich war damals sehr erleichtert und bin dann - vielleicht etwas naiv - davon ausgegangen, dass mein Bestand bis weit in das Jahr 2050 gesichert sei. Todesängste musste ich aber immer wieder ab dem Jahr 2006 durchstehen: Der Bürgermeister der Stadt Bad Salzuflen schlug allen Ernstes vor, den großen Saal - also im Kern mich - abreißen zu lassen. Nur der kleine Gaststättenanbau soll für die Nutzung der AWO erhalten bleiben. Letztlich habe ich es in dieser Situation dem Ortsausschuss Schötmar zu verdanken, dass ich hier und heute noch stehe. Er hat dafür gesorgt, dass der Abbruchbeschluss nicht umgesetzt wurde. Anfang 2008 hat man dann beschlossen, die Abbruchpläne für den großen Saal nicht zu forcieren (sie sind seitdem aber nicht vom Tisch!). Allerdings sollen auch keine Investitionen getätigt werden. Mein großer Saal solle vielmehr nur funktionstüchtig erhalten werden bis ein endgültiges Konzept vorliege.

Seien wir ehrlich: Für ein Gebäude bedeutet diese Beschlusslage letztlich den Tod auf Raten. Dank Konjunkturpaket wurde zwar 2011 noch in meine Infrastruktur investiert. Das erwies sich dann auch als weitsichtig, weil ich der Stadt 2016 helfen konnte, die Flüchtlingsunterbringung zu stemmen.

Bis heute weiß ich allerdings nicht, ob und was die Stadt als meine Eigentümerin mit mir vor hat.


An dieser Stelle mussten wir das Interview unterbrechen, weil die Jubilarin emotional zu sehr aufgewühlt wurde. Aber nach wenigen Minuten hat sie sich wieder gefasst gezeigt und wir konnten weitersprechen.

Ich kann Ihre Gefühle gut nachvollziehen. Aber Sie müssen doch auch sehen, dass die Stadt Bad Salzuflen sehr wenig finanziellen Spielraum hat? 

Natürlich verstehe ich das. Aber ist es nicht verrückt, für mich jährlich einen hohen fünfstelligen Betrag auszugeben, ohne dass die Stadt bzw. die Bevölkerung davon profitiert?

Schauen Sie sich meine Lage an: Ich bin gut erreichbar, @on und das neue Veranstaltungsgebäude der Stadtwerke sind in unmittelbarer Nachbarschaft, ich verfüge über Parkplätze und, und, und.

Warum will man das nicht nutzen?

Wissen Sie, als ich gebaut wurde, war ich wirklich etwas ab vom Schuss. Jetzt hat die Entwicklung Schötmars und speziell in der Uferstraße dazu geführt, dass ich näher am Geschehen bin. Ich will auch Teil des Geschehens sein. 90 Jahre sind für ein Gebäude mit einer ordentlichen Bausubstanz kein Alter. Natürlich hat der Investitionsstau dazu geführt, dass meine Innereien nicht auf dem neuesten Stand sind. Aber meine Gebäudehülle ist stark. Was haben nicht andere Städte aus solchen Bauten gemacht. Ganz aktuell wird in Löhne der Bahnhof in Bürgerhand neu bewirtschaftet - gefördert als "Dritter Ort" vom Land NRW: www.loehne-umsteigen.de

Warum versuchen wir so etwas nicht in Bad Salzuflen?

Ich stehe bereit und würde mich auf ein solches neues Denken freuen, das übrigens direkt an meine Entstehungsgeschichte anknüpft.


Im neuen Masterplan sind Sie wieder im Gespräch. Dort wird ein Begegnungsort gefordert, der zum generationen- und

kulturübergreifenden Zusammenkommen anregt. Explizit wird darin die Festhalle ins Spiel gebracht.

Ich habe das natürlich auch genau gelesen. Im Bericht steht dazu:

"Die Festhalle an der Uferstraße, die sich in unmittelbarer Nähe zum @on befindet, böte hier ein Potenzial an, solch

einen weiteren Treffpunkt zu schaffen."

Ganz meine Rede...

Statt aber diese Idee konkret aufzugreifen, ist im Masterplan lediglich allgemein vorgesehen, eine "Machbarkeitsstudie" für ein Kultur-/Bürgerzentrum zu erstellen. Natürlich wäre es mir lieber gewesen, wenn man das Auslaufen des Pachtvertrags nutzen würde, um konkret an meinem Standort Nutzungsideen zu entwickeln und eine finanzielle Förderung durch Städtebaumittel vorzubereiten.

Die Stadt hätte jetzt die einmalige Chance, für ihre nicht genutzte und sanierungsbedürftige Immobilie Festhalle Schötmar Fördermittel zu bekommen. Ideen, Ansätze und Beteiligungsangebote, die ja auch Ihr Verein gegenüber der Stadt vorgetragen hat, wurden bislang nicht aufgegriffen. Das stimmt mich schon sehr traurig.


Aber Sie haben doch selbst eingeräumt, dass ein Haus wie Ihres nicht gewinnorientiert betrieben werden kann.

Einen Begegnungsort, der zum generationen- und kulturübergreifenden Zusammenkommen anregen und unterschiedlich inhaltliche Facetten anbieten soll, wird niemals ein profitables Unternehmen werden. Aber ich habe mit großem Interesse gehört, dass professionelle Veranstalter einen großen Bedarf für Veranstaltungsräume der Größenordnung sehen, die ich bieten könnte. Vertreter von Institutionen und engagierte Einzelpersönlichkeiten aus Bad Salzuflen sehen auch den Bedarf für einen größeren multifunktionalen Veranstaltungsraum. Wenn wir ein ähnliches Modell wie beim Bahnhof Löhne (Bürgergenossenschaft mit städtischer Unterstützung) verfolgen, könnte eine tolle Weiterentwicklung für die Festhalle Schötmar möglich sein.


In zehn Jahren feiern Sie Ihren 100. Geburtstag. Was wünschen Sie sich?

Bevor ich mit den Wünschen loslege, muss ich ein Angst-Szenario loswerden: Ich möchte nicht zu einem erweiterten Mitarbeiter-Parkplatz der Stadtwerke degradiert werden.

Unabhängig von meinen persönlichen Befindlichkeiten: Ein Gebäude mit dieser Geschichte, dieser Substanz und dieser Lage dem Verfall preis zu geben, ist nicht nachvollziehbar.

So, jetzt positiv.

In 10 Jahren möchte ich ein toller Begegnungsort für Schötmar und darüber hinaus sein. Ich bin mir sicher, dass die kreativen Köpfe dieser Stadt aus meinem Raum spannende und attraktive Themen und Veranstaltungsformate entwickeln werden. Ich wünsche mir, dass ich unterstützt durch Fördermittel als multifunktionaler Veranstaltungsraum so aufgestellt werde, dass ich diese Ideen räumlich und funktional gut umsetzen kann. Es wäre natürlich klasse, wenn sich der Kreis schließt und sich eine von der Bürgerschaft getragene Genossenschaft um mich kümmert und für "Action" sorgt.


Danke Festhalle Schötmar für dieses Interview!

Gern geschehen.

Sie wissen ja, dass das Internet nichts vergisst.

Von daher bin ich gespannt, ob Sie mich in zehn Jahren zu meinem 100. Geburtstag wieder interviewen wollen bzw. können.


Für die Vorbereitung des Interviews haben uns Herr Beuke (Stadtarchivar), Herr Dr. Wiesekopsieker (Heimat- und Verschönerungsverein

Bad Salzuflen e.V.) und Jens Leuschner beratend zur Seite gestanden. Vielen Dank!